{"id":713,"date":"2020-10-31T17:57:41","date_gmt":"2020-10-31T17:57:41","guid":{"rendered":"http:\/\/tavaruk.de\/saga\/?p=713"},"modified":"2020-10-31T18:29:28","modified_gmt":"2020-10-31T18:29:28","slug":"halloweenkurzgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tavaruk.de\/saga\/halloweenkurzgeschichte\/","title":{"rendered":"Halloweenkurzgeschichte"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"819\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/tavaruk.de\/saga\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Halloween-Deckblatt-819x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-714\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Diese Geschichte ist mein Beitrag zu den <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/explore\/tags\/halloweenkurzgeschichten\/\">#Halloweenkurzgeschichten<\/a> und dem <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/explore\/tags\/autor_innensonntag\/\">#Autor_innensonntag<\/a> von <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/justine_thereadingmermaid\/\">@justine_thereadingmermaid<\/a> , <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/calvincozym_fantasyautor\/\">@calvincozym_fantasyautor<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/olaf_raack_autor\/\">@olaf_raack_autor<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>TRIGGERWARNUNG:<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Horrorgeschichte enth\u00e4lt Gewalt gegen Tiere und Menschen, einschlie\u00dflich angedeuteter sexueller Gewalt.<br>F\u00fcr Kinder sowie f\u00fcr Menschen mit Angst vor Spinnen ist sie definitiv nicht geeigent.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>ECHTE M\u00c4NNER<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKlar traue ich mich\u201c, blaffte Pauls gro\u00dfer Bruder Leon ihn an und spuckte seinen Kaugummi in hohem Bogen \u00fcber den morschen Holzzaun. Paul verfolgte die Flugbahn des Kaugummis bis in das Beet halb verbl\u00fchter, blassrosa Blumen. Beinahe meinte er, der Kaugummi m\u00fcsse beim Aufschlag die k\u00fchle Stille und die Nebelschleier genauso zerrei\u00dfen wie der B\u00f6ller, den Leon einige Tage zuvor \u00fcber den Zaun geworfen hatte, um seine Freundin zu beeindrucken.<br>Aber nat\u00fcrlich geschah nichts dergleichen. Die Abendd\u00e4mmerung blieb so still und starr, dass der ungepflegte Garten und das zwischen zwei Tannen eingeklemmte Haus wie ein Bild vor ihm lagen. Die einzige Bewegung war das flackernde Licht der K\u00fcrbislaternen auf der Treppe, vor der Eingangst\u00fcr des Hauses.<br>Ihres Hauses. Des Hauses von Frau Weber. Des Hauses der alten \u00d6koschlampe, wie sein Papa sie einmal gegen\u00fcber seiner Mama genannt hatte, als Paul von den beiden unbemerkt in die K\u00fcche gekommen war. Mamas Gesicht hatte ihn vermuten lassen, dass das ein h\u00e4ssliches Wort war, und so hatte er sich selbst versprochen, es nicht zu benutzen.<br>\u201eDie alte \u00d6koschlampe hat sogar <em>noch mehr<\/em> verdient als nur das! Die und ihre verfickte B\u00fcrgerinitiative!\u201c, riss Leon ihn aus seinen Gedanken und spuckte dem Kaugummi noch eine Ladung Rotze hinterher. \u201eWenn unser Alter den Auftrag bekommen h\u00e4tte, h\u00e4tte er mir l\u00e4ngst das neue X-Phone gekauft. Aber nein, ich muss immer noch diesen Schei\u00df hier benutzen.\u201c Er zog sein Mobiltelefon aus der Hosentasche und dr\u00fcckte es Paul in die Hand. \u201eDu filmst mich dabei. Das schick ich dann Lina. Aber nur filmen, klar? Wenn du wieder in meinen Nachrichten rumschn\u00fcffelst, dann verpass ich dir dieses Mal mehr als nur ein paar in deine Fresse. Dann kick ich dir deine Zwergeneier so gr\u00fcndlich zu Matsch, dass nie ein Mann aus dir wird, kapiert?\u201c<br>Paul wusste nicht, was Leon damit meinte, aber eines wusste er genau: Es war jetzt besser, ganz schnell eifrig zu nicken. Er wollte schlie\u00dflich auch einmal ein Mann werden.<br>\u201eUnd jetzt film, los!\u201c, sagte Leon.<br>Noch einmal nickte Paul, dann startete er die Aufnahme. Auf das Zirpen des Telefons hin schwang sich Leon \u00fcber den Zaun. Obwohl er fast ger\u00e4uschlos auf der anderen Seite aufkam, zuckte Paul zusammen. Geh\u00f6rt hatte Frau Weber es vielleicht nicht, aber sie k\u00f6nnte es doch gef\u00fchlt haben!<\/p>\n\n\n\n<p>Paul musste an den Nachmittag im Sp\u00e4tsommer denken, als er beim Spielen am Gartenschuppen das Netz entdeckt hatte. So still hatte die schwarz-gelb-wei\u00df gestreifte Spinne darin gesessen, so verdorrt hatte sie ausgesehen, dass er nachpr\u00fcfen wollte, ob sie nicht vielleicht tot war. Er zupfte den Kopf eines L\u00f6wenzahns ab und zwirbelte ihn eine Weile unentschlossen zwischen Daumen und Zeigefinger. Schlie\u00dflich warf er ihn ins Netz. So pl\u00f6tzlich klappte die Spinne ihre Glieder aus, dass Paul laut aufschrie. Das Schwingen des Netzes, w\u00e4hrend die Spinne sich \u00fcber die arme Bl\u00fcte hermachte, war so schrecklich anzusehen, dass Paul nicht aufh\u00f6ren konnte zu schreien.<br>\u201eWas geht denn mit dir ab, du Idiot?\u201c<br>Leon war aufgetaucht. Ehe Paul sich versah, hatte Leon das Spinnennetz mit einem Ast zerfetzt. Die Spinne krabbelte in Richtung des Rasens \u00fcber den staubigen Boden, doch Leon stellte sich ihr in den Weg und zog grinsend ein Taschenmesser hervor. \u201eIch hasse diese Viecher\u201c, sagte er, ging in die Hocke und rammte das Messer durch die Spinne in die Erde. Das Grinsen wich dabei nicht von seinem Gesicht. Halb zerschnitten, halb zerquetscht, machte die Spinne hilflose, zuckende Bewegungen mit ihren Beinen, immer langsamer und langsamer. \u201eJa, mach die Beine breit, du Schlampe\u201c, sagte Leon auf eine Art, die Paul ganz fremd war. Dabei drehte er das Messer hin und her und trieb es immer tiefer in den Boden.<br>Paul f\u00fchlte den Brechreiz in sich aufsteigen, gerade so, als vollf\u00fchrte die Spinne ihren Todestanz in seinem Hals. Aber er wollte vor Leon keine Schw\u00e4che zeigen, und so schluckte er seinen Ekel hinunter und sagte: \u201eWarst du wieder mit dem Messer in der Schule? Mama hat dir doch verboten &#8230;\u201c<br>\u201eDu wirst nie ein Mann, wenn du dich von Frauen herumkommandieren l\u00e4sst\u201c, unterbrach Leon ihn. Er zog das Messer aus der Erde, wischte es an seiner Jeans ab und steckte es zugeklappt zur\u00fcck in seine Hosentasche. \u201eEchte M\u00e4nner lassen sich von Weibern nichts vorschreiben. Merk dir das, du Schisser.\u201c<br>Als Leon schon ein paar Schritte in Richtung Haus gegangen war, fragte Paul: \u201eIst Papa dann gar kein echter Mann?\u201c<br>Leon drehte sich um, die Augen zusammengekniffen. \u201eWas soll denn die bescheuerte Frage?\u201c<br>\u201eGar nichts\u201c, sagte Paul, denn er hatte Angst, dass er\u00a0noch einmal das Fremde in Leons Stimme h\u00f6ren w\u00fcrde, wenn er ihn w\u00fctend machte.<br>Als Leon nach drinnen verschwunden war, sah Paul auf die Stelle, an der die Spinne gestorben war. Ganz in der N\u00e4he lag die gelbe Bl\u00fcte. Paul hob sie auf und s\u00e4uberte sie behutsam von den h\u00e4ngengebliebenen Spinnweben. Er hatte sich vor der Spinne gef\u00fcrchtet, doch nun tat sie ihm leid. Ihm tat auch der L\u00f6wenzahn leid. Er f\u00fchlte sich schuld am Tod beider. Sch\u00fctzend legte er seine H\u00e4nde wie eine Kugel um die Bl\u00fcte und lie\u00df seine Stirn dagegen sinken.<br>Mit geschlossenen Augen dachte er noch einmal \u00fcber Leons Worte nach. Wenn ein echter Mann sich von Frauen nichts vorschreiben lie\u00df, wieso hatte sein Papa dann gegen Frau Weber verloren? Die Firma seines Papas baute und vermietete viele, viele H\u00e4user, einige davon auch hier in Paukenberg. Das Hotel am Unkenried, gar nicht weit weg von da, wo sie wohnten, h\u00e4tte das gr\u00f6\u00dfte von allen werden sollen. Doch dann, als die Bagger schon bereitgestanden hatten, war Frau Weber erschienen, und mit ihr etwas, das die Erwachsenen eine \u201eB\u00fcrgerinitiative\u201c nannten. Paul wusste nicht genau, was das war, aber es musste etwas ganz Schlimmes sein, so wie seine Eltern dar\u00fcber sprachen. Manchmal nannten sie die B\u00fcrgerinitiative auch \u201edie Hexe und ihre Spinner\u201c. Paul vermutete, dass die \u201eSpinner\u201c deshalb so hie\u00dfen, weil sie irgendwann einmal Spinnen gewesen waren, die Frau Weber dann in Menschen verwandelt hatte, damit sie ihr gegen seinen Papa halfen. Als die Spinner schlie\u00dflich gewonnen hatten und Frau Weber im Fernsehen dar\u00fcber gesprochen hatte, da war sie ihm wirklich wie eine Hexe vorgekommen, mir ihren schwarzen Haaren und ihren flatternden Kleidern. Die Menschen w\u00fcrden immer mehr F\u00e4den im Netz des Lebens zerrei\u00dfen, hatte sie\u00a0gesagt, aber die Natur w\u00fcrde sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter r\u00e4chen.<br>War das etwas, was richtige M\u00e4nner tun mussten? Zerrei\u00dfen und zerst\u00f6ren, um danach etwas zu aufzubauen? Wollte er dann wirklich ein richtiger Mann werden? Der Gedanke an den sinnlos abgerissenen Kopf des L\u00f6wenzahns dr\u00e4ngte sich Paul auf. Er \u00f6ffnete seine Augen und dann langsam auch seine H\u00e4nde. Da lag die Bl\u00fcte vor ihm, leuchtend gelb und doch tot. Auf seinen H\u00e4nden aber waren h\u00e4ssliche, braune Flecken! Das Blut des L\u00f6wenzahns?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu sollst <em>mich<\/em> filmen, nicht den Boden, du Idiot!\u201c<br>Leons Stimme riss Paul aus seinen Gedanken in die kalte Gegenwart zur\u00fcck. Sein Bruder zertrampelte eben das Beet, in welches er zuvor den Kaugummi gespuckt hatte. Schnell richtete Paul das Mobiltelefon wieder auf ihn aus. Jetzt tat es ihm leid, dass er Leon herausgefordert hatte. Dass er zu ihm gesagt hatte, dass er sich bestimmt nicht trauen w\u00fcrde, eine von Frau Webers K\u00fcrbislaternen zu klauen.<br>\u201eLeon, komm zur\u00fcck!\u201c, rief Paul. Obwohl sein Bruder schon ein echter Mann war, hatte Paul jetzt Angst um ihn. Schlie\u00dflich hatte Frau Weber schon bewiesen, dass sie sogar st\u00e4rker als echte M\u00e4nner war. Sie w\u00fcrde <em>f\u00fchlen<\/em>, dass jemand in ihren Garten eingedrungen war. Dass jemand sich ihrem Haus n\u00e4herte, welches geduldig in der Mitte ihres Grundst\u00fccks lauerte wie\u00a0\u2026<br>\u201eHalt die Fresse! Das muss ich nachher alles rausschneiden!\u201c Leon stieg die Treppe zur Haust\u00fcr hoch. \u201eJetzt kommt das Beste, also rei\u00df dich endlich zusammen!\u201c<br>Er betrat den fahlen Lichtkreis der K\u00fcrbislaternen, beugte sich zu ihnen hinunter und machte ihr Grinsen nach. Dann hob er einen der K\u00fcrbisse hoch und hielt ihn so vor sein Gesicht, dass es aussah, als w\u00e4re dieser sein Kopf. Dazu machte er st\u00f6hnende Ger\u00e4usche. \u201eIch\u00a0\u2026 ich\u00a0\u2026 bin eine verfluchte Seele! Mein Gehirn\u00a0\u2026 es brennt, es breeennt in Ewigkeit!\u201c Dann lachte er auf und schleuderte den K\u00fcrbis zu Boden. Platschend spritzte das Fruchtfleisch in alle Richtungen. \u201eOder vielleicht doch nur, bis es \u00fcber die Treppe der \u00d6k\u00f6schlampe verteilt ist,\u201c rief Leon. Dann griff er sich die n\u00e4chste Laterne. Platsch! Platsch! Die Augenlichter der \u00fcbrigen K\u00fcrbisse erloschen nach und nach, und ihre \u00dcberreste tropften z\u00e4h von Stufe zu Stufe. Leon setzte sein Zerst\u00f6rungswerk an den \u00fcbrigen, nicht zu Laternen verarbeiteten K\u00fcrbissen fort.<br>Da ging pl\u00f6tzlich ein Licht im Haus an.<br>\u201eHinter dir!\u201c, rief Paul.<br>Leon drehte sich um. Etwas bewegte sich hinter der milchigen Glasscheibe der Haust\u00fcr, ganz nahe beim ihm. Er b\u00fcckte sich blitzschnell nach einem K\u00fcrbis, klemmte ihn sich unter den Arm und sprang dann mit einem Satz \u00fcber die Treppe hinweg in den Garten. Als er auf dem R\u00fcckweg zum Zaun ein weiteres Mal durch das Blumenbeet trampelte, \u00f6ffnete sich die T\u00fcr.<br>Frau Weber, in einem gestreiften Rollkragenpullover und Pantoffeln, trat auf die Schwelle und rief: \u201eWas f\u00e4llt dir ein!\u201c Sie machte einen weiteren Schritt, wollte anscheinend Leon nachsetzen, dann passierte es: Mit einem Schrei rutschte sie auf der Treppe aus. Laut knallend schlug ihr Hinterkopf auf den Stufen auf, K\u00fcrbisfleisch spritzte hoch.<br>Es folgte ein weiterer Knall, jetzt zwischen Pauls F\u00fc\u00dfen: Vor Schreck hatte er das Telefon auf die Stra\u00dfe fallen lassen, aber er verstand das Ger\u00e4usch erst, als das Ger\u00e4t noch zweimal vom Asphalt hochgeprallt und dann endlich zum Liegen gekommen war.<br>\u201eIch glaub\u2019s nicht!\u201c, zischte Leon ihn von der anderen Seite des Zauns an. Mit einem kalten Blick streckte er Paul den K\u00fcrbis entgegen. \u201eHalt das!\u201c Er schwang sich zur\u00fcck auf die Stra\u00dfe, dann gab es einen dritten Knall, als er Paul eine Ohrfeige verpasste. \u201eAch, den beschissenen K\u00fcrbis l\u00e4sst du jetzt nicht fallen, aber mein Telefon, das ja?\u201c, schrie Leon so laut, dass Paul nicht wusste, ob sein Ohr davon oder von dem Schlag schmerzte. Schnaubend hob Leon sein Telefon auf und hielt es Paul vors Gesicht: \u201eSieh nur, was du gemacht hast!\u201c Der Bildschirm war gesprungen, das Bild der Videoaufnahme aber wie eingefroren, so dass es aussah, als bef\u00e4nde sich Leons Kopf hinter der Mitte eines Spinnennetzes. Hinter ihm aber, seltsam verschwommen, da lag\u00a0\u2026<br>\u201eFrau Weber!\u201c, rief Paul. Von der Treppe her erklang ein R\u00f6cheln. \u201eWir m\u00fcssen ihr helfen! Sie hat\u00a0\u2026\u201c<br>\u201eBl\u00f6dsinn\u201c, unterbrach Leon ihn. \u201eGeschieht ihr doch recht, dass sie sich auf die Fresse gelegt hat. Die kommt schon wieder zu sich.\u201c Er stockte, schaute stirnrunzelnd auf seine H\u00e4nde. \u201eWas ist denn das f\u00fcr eine Schei\u00dfe?\u201c Da sah es Paul auch: Leons Fingerkuppen waren alle schwarz, wie von Ru\u00df. \u201eNa toll, das ist bestimmt von den abgewichsten Kerzen. Ist sowieso Zeit, nach Hause zu gehen. Den K\u00fcrbis tr\u00e4gst du.\u201c Mit diesen Worten wandte sich Leon von Paul ab und ging los.<br>\u201eAber Frau Weber\u00a0\u2026\u201c<br>\u201eJETZT KOMM SCHON!\u201c<br>Im Gehen drehte Paul sich noch einmal in Richtung des Hauses um. Auf der Treppe machte Frau Weber hilflose, zuckende Bewegungen mit ihren Beinen. Paul holte Luft, als wolle er etwas sagen, doch er wusste nicht, was. Dann fiel sein Blick auf den K\u00fcrbis, den er immer noch fest umklammert hielt. Auf dem leuchtenden Orange prangten schwarze Fingerabdr\u00fccke.<br>Es begann zu regnen, und so beeilte sich Paul, zu Leon aufzuholen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOh, wo hast du den denn her?\u201c, begr\u00fc\u00dfte Pauls Mama ihn, als er mit dem K\u00fcrbis die K\u00fcche betrat. Gerade war sie dabei, Zimtstangen in einen Topf auf dem Herd zu werfen, in dem etwas vor sich hin blubberte. Daneben lagen Orangenschalen. Paul kannte den Geruch, der in der Luft lag: Gl\u00fchwein. Davon durfte er aber noch nicht trinken, weil er noch zu klein war. Ehe Paul antworten konnte, dr\u00e4ngelte Leon sich vor, streckte seine Nase in den Topf und sagte: \u201eDen hab <em>ich<\/em> besorgt, Paul hat ihn nur getragen.\u201c<br>\u201eBesorgt?\u201c, sagte Mama mit hochgezogener Augenbraue. \u201eDie Gesch\u00e4fte sind l\u00e4ngst alle zu.\u201c<br>\u201eHab ich der \u00d6koschlampe aus dem Garten geklaut.\u201c<br>\u201eAber Leon!\u201c, sagte Mama auf eine Art, als wolle sie um jeden Preis b\u00f6se klingen, ohne selbst davon \u00fcberzeugt zu sein. Dann verzog sich ihr Gesicht zu demselben breiten Grinsen, das Leon so oft auflegte. \u201eDaraus mache ich uns morgen zum Mittagessen eine Cremesuppe, w\u00e4re das was? Schlie\u00dflich ist dann auch Halloween. Ein K\u00fcrbis aus dem Garten einer b\u00f6sen Hexe, das passt doch.\u201c<br>\u201eLass mich in Ruhe mit diesem Ami-Schei\u00df\u201c, ert\u00f6nte da Papas Stimme aus dem Esszimmer. Papier raschelte, dann erschien er mit einer Zeitung in den H\u00e4nden im T\u00fcrrahmen. \u201eAber sagt mal, seid ihr euch sicher, dass die Weber nichts mitgekriegt hat? Ich hab schon mehr als genug \u00c4rger wegen der.\u201c<br>Paul schluckte. Vielleicht w\u00e4re es besser, wenn er seinen Eltern sagte, was passiert war? Es konnte doch sein, dass Frau Weber ein Pflaster oder so etwas brauchte, und soweit er wusste, lebte sie alleine.<br>Leon winkte ab. \u201eDie hat uns garantiert nicht gesehen. Ich schw\u00f6r\u2019s, bei meiner Seele, oder wie das hei\u00dft.\u201c<br>Wieder holte Paul Luft, und wieder wusste er nicht, was sagen. Ihm war, als m\u00fcsse er an all der \u00fcberfl\u00fcssigen Luft ersticken.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesem Gef\u00fchl schlief Paul sp\u00e4ter am Abend dann auch ein. Die Tr\u00e4ume kamen dieses Mal auf eine fremde Weise zu ihm. Sonst war es immer so, als ob er in die Tr\u00e4ume eintauchen w\u00fcrde wie in Wasser: in warmes, wenn es angenehme Tr\u00e4ume waren, in kaltes, wenn es b\u00f6se Tr\u00e4ume waren. In dieser Nacht aber war es umgekehrt: Es waren die Tr\u00e4ume, die <em>in ihn<\/em> eintauchten. Ihn durchflossen. Wie eisiger, giftiger, klebriger Schleim.<br>Dann war der Schleim nicht nur in ihm, sondern auch \u00fcberall um ihn. Er hatte sich verirrt und watete nun, auf der Suche nach dem Haus seiner Eltern, unter einem orangeroten Himmel durch eine z\u00e4he Masse, deren Farbe er in dem seltsamen Licht nicht richtig erkennen konnte. Vielleicht war sie einfach nur grau, vielleicht war sie aber auch so orange wie der Himmel, der sich wie eine fast zum Greifen nahe Kuppel \u00fcber ihm spannte. Ja, es mochte wohl K\u00fcrbisfleisch sein, durch das er watete, und der Himmel war die Schale! Er war im Inneren eines K\u00fcrbis gefangen.<br>\u201eDas h\u00e4ttest du wohl gerne\u201c, h\u00f6rte er da Frau Webers Stimme hinter sich. W\u00e4hrend er sich m\u00fchsam in dem z\u00e4hen Schleim umdrehte, sprach sie weiter. \u201eDas ist mein Gehirn, in dem hier herumtrampelst wie dein Bruder in meinen Blumen.\u201c<br>Pauls Herz setzte zun\u00e4chst einen Schlag aus, trommelte dann aber umso schneller weiter, als er es endlich geschafft hatte, sich umzudrehen und sehen konnte, was da zu ihm sprach: Es sah fast aus wie Frau Weber, als er sie zuletzt gesehen hatte, in ihrem schwarz-gelb-wei\u00df gestreiften Rollkragenpullover; aber es war, als w\u00e4re dieser nicht aus Stoff, sondern aus Haut \u2013 aus Frau Webers Haut \u2013 gemacht. Ihr Kopf aber war gesprungen wie der Bildschirm von Leons Telefon. \u201eJa, es ist alles ausgelaufen, siehst du?\u201c, sagte sie. W\u00e4hrend sie sprach, tastete eine Vielzahl gegliederter Beinchen aus ihrem Mund, zog sich dann wieder ins Dunkle zur\u00fcck wie ein Einsiedlerkrebs in seine Muschel. \u201eUnd du steckst mit drin, Paul. Wenn du jemals wieder hier rauskommen willst, dann musst du das alles aufessen, ob du willst oder nicht.\u201c Sie richtete ihren Zeigefinger auf ihn, dann ballte sie ihre Hand zu einer Faust und lie\u00df sie langsam sinken.<br>Etwas zog Paul nach unten, in die z\u00e4hklebrige Masse hinein. Egal wie sehr er strampelte, er konnte sich nicht befreien. Schon war er bis zur H\u00fcfte eingesunken. Er schrie, schrie so laut er konnte nach seiner Mama. Sie w\u00fcrde in sein Zimmer kommen, ihn aufwecken und ihn ihre Arme nehmen. Ja, das war der Weg nach Hause!<br>\u201eDeine Mama kann dir nicht helfen\u201c, sagte Frau Weber lachend. Es war, als ob sie seine Gedanken lesen konnte! \u201eOh nein\u201c, sagte sie, \u201ees ist umgekehrt! Du bist in <em>meinen<\/em> Gedanken. Ich denke dich.\u201c<br>Egal was das Monster erz\u00e4hlte, Paul musste einfach nur aufwachen und alles w\u00fcrde gut werden. Da fiel ihm etwas ein, was Leons Freundin Lina ihm einmal erz\u00e4hlt hatte: Er sollte im Traum versuchen, seine H\u00e4nde anzusehen. Wenn er das schaffen w\u00fcrde, h\u00e4tte er Kontrolle \u00fcber den Traum und k\u00f6nnte auch aufwachen, wenn er nur wollte.<br>Frau Weber lachte noch lauter als zuvor, und was auch immer in ihrer Mundh\u00f6hle wohnte, lie\u00df seine Beinchen noch wilder \u00fcber ihre Lippen tanzen als zuvor. \u201eDu willst es nicht verstehen, oder? Das hier ist kein Traum! Aber nur zu, sieh sie dir an, deine kleinen H\u00e4ndchen!\u201c<br>Und da sah Paul die dunklen Flecken auf seinen Fingern, so wie im Sommer, nachdem er neben der toten Spinne die L\u00f6wenzahnbl\u00fcte geknetet hatte.<br>\u201eMit Wasser kannst du das nicht mehr abwaschen\u201c, sagte das Frau-Weber-Wesen, nun ganz ohne zu lachen, voller Bitterkeit. \u201eNur Blut von deinem Blut vermag das.\u201c<br>Paul schluchzte: \u201eWas\u00a0\u2026 was willst du von mir?\u201c<br>\u201eAh! Jetzt verstehst du endlich, wie das funktioniert, Paulchen.\u201c Sie wischte mit der Hand durch die Luft, und das Ziehen an Pauls F\u00fc\u00dfen h\u00f6rte auf. \u201eEinen Handel will ich mit dir abschlie\u00dfen. Wei\u00dft du, was das ist? Ich will etwas mit dir tauschen. Du hast etwas, das ich will, und ich wei\u00df auch, was du willst.\u201c Sie griff hinter sich, und von irgendwoher hatte sie pl\u00f6tzlich einen K\u00fcrbis in der Hand. Nicht irgendeinen K\u00fcrbis, sondern den, den Leon geklaut hatte. Paul erkannte ihn an den schwarzen Fingerabdr\u00fccken. \u201eSiehst du, wie gut der zu dir passt? Zu deinen schmutzigen H\u00e4nden?\u201c, sagte Frau Weber. \u201eSchlie\u00dflich warst du es, der Leon zu mir geschickt hat. In mein Netz. Weil du nicht mehr der kleine Bruder sein willst. Also gib mir, was ich haben m\u00f6chte, und wir gewinnen beide. Gib es mir. Es ist direkt hinter dir. Nein, dreh dich nicht um! F\u00fchle einfach mit deiner Hand.\u201c<br>Paul tastete hinter sich. Da war etwas Zartes. Eine Bl\u00fcte an einem St\u00e4ngel. An der Form der Bl\u00e4tter erf\u00fchlte er es schlie\u00dflich. Es war ein L\u00f6wenzahn.<br>\u201eGib ihn mir!\u201c, befahl Frau Weber. \u201eMach dir keine M\u00fche, ihn ganz herauszuziehen, die Wurzel reicht Jahrhunderte tief. Mir reicht der Kopf.\u201c<br>Pauls Finger schlossen sich um die Bl\u00fcte. Er z\u00f6gerte.<br>\u201eEs ist deine Entscheidung\u201c, sagte Frau Weber. \u201eEs steht dir nat\u00fcrlich frei, stattdessen alles aufzuessen.\u201c Sie reckte den kleinen Finger ihrer freien Hand ganz leicht in die H\u00f6he.<br>Paul f\u00fchlte, wie sich etwas um seine Beine schlang. Schnell tastete er hinter sich nach der Blume, griff zu und riss. Langsam brachte er seine Hand wieder nach vorne und \u00f6ffnete sie unter den aufmerksamen Blicken Frau Webers. Auf seiner Handfl\u00e4che lag der Kopf des L\u00f6wenzahns. Frau Weber senkte ihre Hand auf seine herab, w\u00e4hrend ihre Finger einen irren Tanz vollf\u00fchrten \u2013 so, als w\u00e4re ihre Hand nur die H\u00fclle eines anderen, eigenst\u00e4ndigen Lebewesens. Als die vielen kleinen Ber\u00fchrungen Pauls Handfl\u00e4che kitzelten, sch\u00fcttelte es ihn vor Ekel. Er schloss die Augen. Dann endete der Tanz.<br>Als er die Augen wieder \u00f6ffnete, war aus der gelben Bl\u00fcte ein wei\u00dfer Pusteblumenkopf geworden. Frau Weber f\u00fchrte diesen langsam zu ihrem Mund. Die Beinchen schnellten daraus hervor und zerrten ihn hinein. Frau Weber schloss ihre Augen und l\u00e4chelte. Dann schluckte sie. Etwas passierte mit ihrer Stirn. Sie riss ihre Augen auf. Es waren jetzt acht. \u201eSehr gut\u201c, sagte sie. \u201eUnser Tausch ist fast vollst\u00e4ndig. Nun nimm deinen Teil entgegen.\u201c Sie hielt ihm den K\u00fcrbis hin.<br>Paul umfasste den K\u00fcrbis mit beiden H\u00e4nden. Diese zitterten genauso wie seine Stimme. \u201eDarf ich jetzt nach Hause?\u201c<br>\u201eAber ja doch. Ich bestehe sogar darauf. Du musst schlie\u00dflich etwas f\u00fcr mich dorthin bringen. Halte einfach den K\u00fcrbis vor dein Gesicht und sprich <em>die Worte<\/em>.\u201c<br>Paul gehorchte. Er wusste nicht woher, aber er kannte die Worte, und so sagte er: \u201eIch bin eine verfluchte Seele.\u201c<br>Der Himmel wurde schwarz. Alles wurde schwarz. Paul h\u00f6rte Frau Webers Stimme ganz nahe an seinem Ohr, w\u00e4hrend unz\u00e4hlige Beinchen ihn dort betasteten: \u201eJetzt schlaf endlich, Paul. Du wirst morgen einen schweren Tag haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Als Paul aufwachte, war es schon fast Mittag. Trotzdem f\u00fchlte er sich, als h\u00e4tte er gar nicht geschlafen. Er schlurfte in die K\u00fcche, weil er Stimmen und Radiomusik von dort h\u00f6rte. Der Geruch frisch aufgeschnittener Zwiebeln lag in der Luft.<br>Mama sah vom Schneidbrett auf. \u201eOh, hast du es endlich geschafft?\u201c, sagte sie. \u201eIch hab versucht dich zu wecken, aber du hast geschlafen wie ein Toter. Das Fr\u00fchst\u00fcck hast du verpasst. Aber macht nichts, setz dich doch zu den anderen ins Esszimmer. In der Zwischenzeit\u00a0\u2026\u201c Sie machte ein irres Gesicht und zeigte mit dem Messer auf den K\u00fcrbis auf der Arbeitsplatte. \u201e\u2026\u00a0schlachte ich den hier, hahaha!\u201c Dann legte sie den Kopf etwas schief und fuhr normal fort: \u201eDu meine G\u00fcte, Paulchen, jetzt schau doch nicht so. Das sollte witzig sein. Aber ich bin wirklich etwas b\u00f6se auf den K\u00fcrbis. Ich habe ihn stundenlang geschrubbt, aber die schwarzen Flecken habe ich nicht weggekriegt. Ich werde ihn also sch\u00e4len m\u00fcssen, bevor ich ihn zerhacke. Schade, denn von der Schale bekommt die Cremesuppe erst richtig Farbe. Dieses kr\u00e4ftige Orange.\u201c<br>\u201eIch habe keinen Hunger\u201c, sagte Paul.<br>\u201eDer Appetit kommt sicher bald beim Essen\u201c, sagte Mama. \u201eGeh doch schon mal ins Esszimmer, Papa freut sich bestimmt, wenn er nicht die ganze Zeit mit Leon alleine dort sitzen muss.\u201c<br>Papa freute sich wohl weniger, als Mama es vermutet hatte. Jedenfalls war er nicht sehr gespr\u00e4chig, sondern schien eher in seine Zeitung vertieft. Leon hatte nicht einmal den Kopf gehoben, als Paul ins Zimmer gekommen war. Er war damit besch\u00e4ftigt, auf seinem Telefon herumzudr\u00fccken. Als Paul neben ihn trat, sah er, wie sich Leons Gesicht auf dem zerbrochenen Bildschirm spiegelte, als w\u00e4re es in der Mitte eines Spinnennetzes.<br>Aus der K\u00fcche drang die Stimme der Radiosprecherin: \u201eHier ist Radio Paukenberg, und das waren die Rolling Stones mit \u201aDandelion\u2018. Als n\u00e4chstes h\u00f6ren wir\u00a0\u2026 Oh, einen Moment, liebe Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rer, eben erreicht uns eine Eilmeldung. Aranka Weber, die Gr\u00fcnderin der B\u00fcrgerinitiative \u201eGr\u00fcnes Netzwerk\u201c, ist anscheinend durch einen Unfall ums Leben gekommen. Bleiben Sie dran, wir berichten gleich in den 12-Uhr-Nachrichten ausf\u00fchrlicher zu diesem Thema.\u201c<br>Papa schlug mit der Faust auf den Tisch und rief: \u201eJa! Es gibt doch noch Gerechtigkeit auf der Welt!\u201c<br>\u201eSchatz, das ist wunderbar!\u201c, h\u00f6rte Paul Mama aus der K\u00fcche rufen. \u201eDie Hexe sind wir los, und jetzt ist ihr h\u00e4sslicher K\u00fcrbis dran. Oh, das wird ein Fest.\u201c<br>Leon starrte weiter auf sein Telefon, als h\u00e4tte er von alledem nichts geh\u00f6rt.<br>Panik ergriff Paul. \u201eWirf es weg!\u201c, sagte er zu Leon.<br>Der sah nun doch auf. \u201eWas?\u201c<br>\u201eDein Telefon! Wirf es weg!\u201c<br>\u201eSpinner\u201c, schnaubte Leon.<br>\u201eFrau Weber! Sie ist da drin!\u201c Paul versuchte Leon das Telefon aus der Hand zu rei\u00dfen, doch der wehrte sich, und sie begannen miteinander zu rangeln.<br>\u201eWas hast du f\u00fcr ein Problem, Alter?\u201c schrie Leon. Schlie\u00dflich entglitt das Telefon seinem Griff, flog durch die Luft und landete im angrenzenden Wohnzimmer.<br>\u201eIhr h\u00f6rt sofort damit auf!\u201c, donnerte Papa.<br>Leon feuerte einen eisigen Blick auf Paul ab und sagte: \u201eIch bring dich um, ich schw\u00f6r\u2019s, ey!\u201c Dann trottete er ins Wohnzimmer und kroch unter den Tisch, von wo aus er versuchte, das unter das Sofa gerutschte Telefon zu erreichen.<br>Nach wenigen Sekunden Stille ert\u00f6nte Mamas Schrei aus der K\u00fcche. \u201eAu!\u201c Dann ein metallisches Scheppern. \u201eVerdammte Schei\u00dfe! Ich hab mich geschnitten.\u201c<br>Papa sprang auf, um nach ihr zu sehen. Gleichzeitig rumpelte etwas im Wohnzimmer.<br>Paul wollte zuerst Papa in die K\u00fcche folgen, aber dann h\u00f6rte er ein ersticktes Keuchen aus dem Wohnzimmer, gefolgt von einem weiteren Rumpeln und dann von einem ohrenbet\u00e4ubenden Krachen und Klirren. Von seinem Standpunkt aus konnte Paul sehen, dass die Wohnzimmervitrine umgekippt war.<br>Wutentbrannt kam Papa ins Esszimmer gest\u00fcrzt, gefolgt von Mama, die sich ihren Daumen in den Mund gesteckt hatte. \u201eWas zur H\u00f6lle ist in euch gefahren?\u201c, br\u00fcllte Papa.<br>Da kam Leon ins Esszimmer gewankt.<br>Paul verstand nicht, was er sah: Es sah so aus, als ob sich Leon einen K\u00fcrbis auf den Kopf gesteckt h\u00e4tte und ihn jetzt nicht mehr abnehmen konnte. Seine H\u00e4nde ruckten und zerrten daran, w\u00e4hrend er blind hin und her stolperte, begleitet von einem dumpfen, wortlosen Br\u00fcllen.<br>Mama schrie: \u201eLeon! Das ist nicht\u00a0\u2026 witzig. Leon? Leon?!\u201c Sie machte einen Schritt auf ihn zu, versuchte den K\u00fcrbis zu fassen zu bekommen, verschmierte ihn mit ihrem Blut. \u201eThomas! Hilf mir!\u201c<br>Papa begann ebenfalls, an dem K\u00fcrbis zu zerren, w\u00e4hrend der ein immer unmenschlicheres Gurgeln von sich gab. Leon machte hilflose, zuckende Bewegungen mit seinen Armen und Beinen. Pl\u00f6tzlich entglitt der K\u00fcrbis Papas und Mamas Griff, die beiden fielen in die eine Richtung und rissen dabei Paul mit sich zu Boden; Leon st\u00fcrzte in die andere Richtung. Der K\u00fcrbis krachte gegen die Wand. Eine orangerote Masse spritzte in alle Richtungen. Leons Beine und Arme bewegten sich nicht mehr.<br>Mama schaffte es zuerst, sich halb wieder aufzurappeln. \u201eMein Gott, Leon!\u201c, sagte sie, w\u00e4hrend sie in dessen Richtung kroch. \u201eDu hast mir einen solchen Schrecken einge\u00a0\u2026 Leon?\u201c Sie warf K\u00fcrbisschalen, Samen und Fruchtfleisch zur Seite. Leon bemerkte, dass die K\u00fcrbisschale schwarze Flecken hatte. Etwas bewegte sich in der schleimigen Masse. Mama griff hinein, zog dann mit einem Schmerzensschrei ihre Hand zur\u00fcck. \u201eEr hat mich gebissen!\u201c Da sch\u00e4lte sich eine schwarz-gelb-wei\u00df gestreifte Spinne aus dem Haufen hervor und krabbelte \u00fcberraschend schnell in Richtung K\u00fcche.<br>Papa st\u00fcrzte neben Mama und w\u00fchlte mit weit aufgerissenen Augen in den \u00dcberresten des K\u00fcrbisses. Er atmete schwer, sein Mund klappte auf und wieder zu. Er wollte offensichtlich etwas sagen, doch da kamen keine Worte.<br>Mama umklammerte mit ihrer blutenden Hand ihre andere und sagte tonlos: \u201eAber wo\u00a0\u2026 wo ist sein\u00a0\u2026 ich verstehe nicht\u00a0\u2026\u201c<br>Papa zerrte den bewegungslosen Leon an den Schultern nach oben. Paul drehte sich schnell weg. Er wollte das nicht sehen. Langsam, ganz langsam, ging er in die K\u00fcche, w\u00e4hrend Mama hinter ihm anfing zu schluchzen.<br>Paul sah die Spinne gerade noch hinter dem K\u00fcchenschrank verschwinden. Dann klatschte der erste rote Tropfen auf den wei\u00dfen Fliesenboden, gefolgt von einem zweiten, dritten, und so fort, bis schlie\u00dflich ein kleines Rinnsal daraus wurde. Es kam von der Arbeitsfl\u00e4che, wo Mama zuvor den K\u00fcrbis gesch\u00e4lt hatte. Etwas lag auf dem Schneidbrett, aber es war kein K\u00fcrbis.<br>Paul verstand nicht, was er sah.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Geschichte ist mein Beitrag zu den #Halloweenkurzgeschichten und dem #Autor_innensonntag von @justine_thereadingmermaid , @calvincozym_fantasyautor und @olaf_raack_autor. TRIGGERWARNUNG: Diese Horrorgeschichte enth\u00e4lt Gewalt gegen Tiere und Menschen, einschlie\u00dflich angedeuteter sexueller Gewalt.F\u00fcr Kinder sowie f\u00fcr Menschen mit Angst vor Spinnen ist sie definitiv nicht geeigent. 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